Erfahrungsbericht Albanien - Wandern im Valbona Valley
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Unsere Wanderung durch die Albanischen Alpen begann mit einem verlorenen Rucksack, einem heftigen Unwetter und einer kurzfristig geänderten Route. Danach folgten überlaufene Bergpässe, nahezu menschenleere Wege, spontane Lagerplätze, schwierige Orientierung und Begegnungen, die stärker in Erinnerung geblieben sind als jeder geplante Tagesabschnitt.
Wir waren nicht mit einer vollständig ausgearbeiteten Route unterwegs. Einen großen Teil des Weges wollten wir mit Karte und Kompass finden und unsere Strecke bei Bedarf anpassen. Genau das machte die Wanderung spannend – brachte uns aber auch mehrfach an den Punkt, an dem wir unsere Planung hinterfragen mussten.
Dieser Erfahrungsbericht beschreibt deshalb keine feste Route zum Nachwandern. Er erzählt davon, wie wir von Theth über den Valbona-Pass nach Valbona gelangten und anschließend auf einer selbst geplanten Strecke durch eine abgelegenere Seite der Albanischen Alpen wanderten.
Wo liegt das Valbona Valley?
Das Valbona Valley liegt im Norden Albaniens in den Albanischen Alpen. Besonders bekannt ist die Wanderung zwischen Theth und Valbona über den Valbona-Pass. Beide Orte sind touristisch erschlossen und durch Gästehäuser, Unterkünfte und Transfers vergleichsweise gut erreichbar.
Der bekannte Übergang war für uns allerdings nur der Einstieg. Nach unserer Ankunft in Valbona verließen wir die stark frequentierte Route und stellten mithilfe von Karte und Kompass eine eigene Strecke zusammen.
Auch auf dem bekannten Abschnitt zwischen Theth und Valbona sagt die Entfernung allein wenig über die Belastung aus. Der Aufstieg zum Pass und der anschließende lange Abstieg ziehen sich, besonders bei hohen Temperaturen und schwerem Gepäck. Für uns war dieser Tag körperlich anstrengend. Die späteren, deutlich einsameren Abschnitte wurden vor allem bei der Orientierung und Planung anspruchsvoller.
Mit Verspätung von Hannover nach Tirana
Am 29. August 2025 sollte es von Hannover über Amsterdam nach Tirana gehen. Mein erster Flug hatte Verspätung. Zum Glück wartete am Flughafen in Amsterdam bereits meine Freundin Jennifer auf mich.
Meine Anweisung an sie war einfach:
> Mach eine Szene. Der Flieger darf nicht ohne mich abheben.
Also lief ich in meinen Wanderstiefeln durch den Flughafen und erreichte das Gate, als gerade die letzten Passagiere einstiegen. Jennifer begrüßte mich mit ihrem gewohnt breiten Grinsen.
Die Anstrengung wäre nicht nötig gewesen. Auch der Anschlussflug hatte Verspätung.
Irgendwann landeten wir in Tirana. Am Gepäckband wurden die Koffer und Rucksäcke immer weniger, bis schließlich gar nichts mehr kam. Mein Rucksack war nicht dabei.
Das fehlende Gepäck zu melden, erwies sich als schwieriger als erwartet. Die Verständigung auf Englisch funktionierte nur eingeschränkt. Während wir noch versuchten, die Situation zu klären, landete Dave aus England. Wenig später machten wir uns zu dritt, aber nur mit zweimal Gepäck, auf den Weg zu unserem Hotel in Tirana.
Unsere Wanderung sollte eigentlich am nächsten Morgen beginnen.
Ein zusätzlicher Tag und ein neuer Plan
Ich sagte Jennifer und Dave, dass sie ohne mich starten könnten. Sobald mein Rucksack ankäme, würde ich versuchen aufzuschließen. Die beiden wollten jedoch warten.
Also verbrachten wir den folgenden Tag in Tirana. Wir machten etwas Sightseeing, gingen essen und versuchten herauszufinden, wann mein Gepäck ankommen sollte.
In einer Crêperie erreichte mich schließlich die Nachricht, dass mein Rucksack am Abend eintreffen sollte. Meine Mundwinkel wanderten sofort nach oben. Gleichzeitig war klar, dass wir durch den verlorenen Tag unsere ursprüngliche Route nicht mehr wie geplant gehen konnten.
Eigentlich wollten wir von Tirana nach Shkodra, von dort mit der Fähre nach Fierza und anschließend in einem nordwestlichen Bogen zurück nach Shkodra wandern. Stattdessen entschieden wir uns, direkt nach Theth zu fahren. Von dort wollten wir über Valbona einen nordöstlichen Bogen laufen und die Tour mit der Fähre von Fierza nach Shkodra abschließen.
Am Nachmittag zog ein heftiges Unwetter über Tirana. Starker Regen führte zu Überschwemmungen. Der Wind warf Tische, Stühle und Pflanzen um.
Am Abend fuhr ich zum Flughafen, um meinen Rucksack abzuholen. Das Flugzeug, mit dem er ankommen sollte, kreiste wegen des Unwetters längere Zeit zwischen Albanien und Italien und landete schließlich in Bari.
Erst mit mehreren Stunden Verspätung kam mein Gepäck tatsächlich in Tirana an. Gegen zwei Uhr morgens konnte ich mich auf den Rückweg machen. Um drei Uhr war ich wieder im Hotel.
Viel Schlaf blieb nicht. Wenige Stunden später wartete bereits unser Shuttle nach Theth.
Mit einem schwächelnden Shuttle nach Theth
Mit unseren gepackten Rucksäcken machten wir uns zu dritt auf den Weg zum Shuttle. Während der Fahrt bekamen wir die ersten Eindrücke von der albanischen Landschaft: zunehmend steile Berge, tiefe Täler und Straßen, die sich in engen Kurven nach oben zogen.
Unser Bus wurde in den Serpentinen allerdings immer langsamer. Andere Shuttles überholten uns, während sich unser Fahrzeug mühsam den Berg hinaufarbeitete. Der Bus hielt durch – und irgendwann kamen auch wir in Theth an.
Theth liegt in einem weiten, von steilen Bergen umgebenen Tal. Zwischen den Häusern stehen Gästeunterkünfte, kleine Höfe und ältere Gebäude. Über allem erheben sich die grauen Felswände der Albanischen Alpen.
Wir wollten nicht im Ort bleiben. Gegen 16 Uhr liefen wir direkt los.
Zunächst gingen wir in die falsche Richtung. Zum Glück bemerkten wir den Fehler schnell. Nachdem wir den richtigen Weg gefunden hatten, führte uns die Strecke durch den Wald immer weiter bergauf.
Nach ungefähr zwei Stunden entdeckten wir eine offene Fläche im Anstieg. Zwischen den Bäumen gab es einige gerade Stellen, auf denen wir unsere Zelte aufstellen konnten.
Dann kam ein Hund zu uns.
Wir tauften ihn Woolfy. Er blieb den gesamten Abend bei uns und schlief in der Nacht im Vorzelt von Jennifer.
Mit Woolfy Richtung Valbona-Pass
Am nächsten Morgen zogen wir zu viert los. Woolfy lief voraus und zeigte uns den Weg durch den Wald. Die Sonne stieg langsam höher, über uns lag ein beinahe wolkenloser Himmel.
Nach einiger Zeit erreichten wir eine erste Hütte beziehungsweise kleine Gaststätte. Ich kaufte dort Wasser, während Jennifer und Dave etwas weiter unten am Fluss ihre Flaschen auffüllten und das Wasser filterten.
Woolfy gehörte offenbar hierher. Für ihn endete die gemeinsame Wanderung an dieser Stelle.
Die Hütte war eine von mehreren Anlaufstellen entlang des Peaks of the Balkans. Auf einem Teil dieses bekannten Fernwanderwegs befanden wir uns nun ebenfalls. Lange wollten wir auf diesem touristischen Abschnitt allerdings nicht bleiben.
Die Strecke zwischen Theth und Valbona gilt als einer der bekanntesten und schönsten Abschnitte der Route. Entsprechend viele Menschen waren unterwegs. Je höher wir kamen, desto häufiger begegneten uns andere Wanderer.
Am Pass wehte die albanische Flagge im Wind. Überall saßen Menschen, machten Pause oder fotografierten die Landschaft. Einsam war es hier nicht – aber die Aussicht entschädigte für vieles.
Nach dem Pass ging es lange bergab. Der Weg führte unter anderem durch ein ausgetrocknetes Flussbett und später an einer Straße entlang, bis wir schließlich Valbona erreichten.
Jennifer und Dave schlugen ihre Zelte auf. Ich entschied mich für ein Zimmer.
Valbona und die nächste Routenänderung
Am Abend holten wir die Karte heraus und planten den weiteren Verlauf genauer.
Wir hätten auf dem Peaks of the Balkans bleiben können. Für den von uns angedachten Verlauf hätten wir jedoch Genehmigungen benötigt, um die wir uns nicht rechtzeitig gekümmert hatten. Daher entschieden wir uns gegen diese Variante.
Stattdessen wollten wir den bekannten Trail verlassen und eine eigene Strecke gehen. Ein kurzer Abschnitt führte laut Karte durch Montenegro. Wir gingen damals davon aus, dass es dort keine Grenzkontrollen geben würde und wir uns nur ungefähr 30 Minuten im Land aufhalten würden.
Heute würde ich solche Grenzübertritte vorher eindeutig klären. Auch wenn ein Übergang im Gelände unscheinbar wirkt, gelten dort weiterhin die Einreisebestimmungen der jeweiligen Länder.
Der Abend war nicht besonders lang. Trotzdem war es schön, nach dem ersten richtigen Wandertag mit Freunden zusammenzusitzen und auf die kommenden Tage zu schauen.
Ohne Vorwarnung zurück ins Gebirge
Am nächsten Morgen starteten wir bei strahlendem Sonnenschein und erneut steigenden Temperaturen.
Zunächst folgten wir der Straße durch Valbona. Entlang des Weges standen Gästehäuser, Hotels und andere Unterkünfte. Der Ort wirkte, als befände er sich mitten im Aufschwung. Gleichzeitig war die Kulisse beeindruckend: graue Bergflanken, ein weites Tal und der Fluss zwischen den Hängen.
Dann bog unser Weg scharf nach links ab und führte direkt ins Gebirge.
Es gab keine langsame Annäherung. Der Anstieg begann sofort. Der Schweiß lief, das Atmen wurde schwerer und gleichzeitig mussten wir immer mehr lachen.
Was machten wir hier eigentlich?
Jedes Mal, wenn wir uns umdrehten, lag Valbona weiter unter uns. Zwischen den Bergen waren der kleine Ort, der Fluss und die steilen grauen Hänge auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen. Der Blick entschädigte für jeden anstrengenden Höhenmeter.
Und leicht kann schließlich jeder.
Im Vergleich zum Vortag waren nur noch wenige Wanderer unterwegs. Wir folgten dem Weg weiter über kleinere Auf- und Abstiege und durch vereinzelte Kletterpassagen.
Plötzlich standen wir mitten in einer Schafherde. Begleitet wurde sie von einem Hirten und zwei Kangals – großen Herdenschutzhunden, die bei den Tieren blieben. Uns gegenüber verhielten sie sich vollkommen ruhig und desinteressiert.
Nachdem wir die Herde überholt hatten, überschritten wir die Grenze nach Montenegro. Weit und breit war niemand zu sehen. Trotzdem hielten wir uns nicht länger als nötig dort auf und folgten dem Weg zurück nach Albanien.
Ein Lagerplatz zwischen Hof, Wald und Felswand
Nach einem offenen Bergabschnitt führte die Strecke wieder in Richtung Wald. Aus der Entfernung konnten wir bereits Hunde hören.
Wir gingen in einem großen Bogen um ein Grundstück herum. Etwa 200 Meter dahinter befand sich laut Karte ein möglicher Lagerplatz. Dort schlugen wir unsere Zelte auf.
Vor uns lag eine große grüne Wiese. Hinter uns befand sich ein Hof mit Schafen und Herdenschutzhunden. Die Gebäude wirkten rustikal und so, wie man sich eine abgelegene Sommerweide im Hinterland vorstellt.
Vor uns begann der Wald, in den wir am nächsten Morgen gehen wollten. Rechts erhob sich eine steile graue Felswand. Unterhalb davon floss ein tief liegender, beinahe ausgetrockneter Fluss.
Sobald die Sonne hinter dem Fels verschwand, sanken die Temperaturen schnell. Wir zogen uns in unsere Zelte zurück.
Am nächsten Morgen startete ich etwas früher. Ich machte mich allein auf den Weg und suchte nach einer Stelle, an der ich Wasser filtern konnte. Jennifer und Dave holten mich später wieder ein.
Geeignete Wasserstellen waren außerhalb der bekannten Route nicht zuverlässig planbar. Wir filterten deshalb unterwegs regelmäßig nach. Welche Methode sich dafür eignet, hängt von der jeweiligen Wasserquelle und der eigenen Ausrüstung ab. Mehr dazu findest du im Beitrag Wasser filtern oder abkochen.
Farnmeere, schwere Maschinen und eine verschwundene Hütte
Der Weg führte durch Wälder, durch große Farnflächen und immer wieder zu Aussichtspunkten mit Blick auf die zerklüfteten Berge.
Unterwegs begegneten uns schwere Maschinen und Lastwagen. Der Weg wurde offenbar ausgebaut, vermutlich um die Gegend zukünftig besser mit Fahrzeugen erreichen und weitere Infrastruktur errichten zu können.
Die Sonne trocknete uns aus. Wir filterten immer wieder Wasser und überprüften regelmäßig unsere Position auf der Karte. GPS wollten wir nur als Unterstützung für den Notfall einsetzen. Vorrangig navigierten wir mit Karte und Kompass.
Auf der Karte war eine Unterkunft eingezeichnet, die wir erreichen wollten. Wir konnten sie jedoch nicht finden.
Mehrfach glaubten wir, sie müsse hinter dem nächsten Hügel auftauchen. Wir gingen auf und ab, prüften die Topografie und suchten nach möglichen Abzweigungen. Währenddessen fuhren immer wieder große Fahrzeuge an uns vorbei.
Irgendwann entschieden wir, einige Hundert Meter zurückzugehen. Dort hatten wir wenige Häuser gesehen. Vielleicht konnte uns jemand helfen.
„Doberdoll“ und ein unerwarteter Wechsel ins Deutsche
Bei den Häusern versuchten wir zu erklären, wo wir waren und welche Unterkunft wir suchten. Mit Englisch kamen wir nicht weiter.
Immer wieder fiel ein Wort:
> Doberdoll.
Was sollte Doberdoll sein?
Dann entdeckte ich den Namen auf der Karte – weit im Norden und definitiv nicht dort, wo wir hinwollten.
Einer der drei Männer drehte sich plötzlich zu uns um und fragte:
> Deutsch?
Jennifer zeigte sofort auf mich.
Der Mann erklärte, dass seine Eltern früher zum Arbeiten in Deutschland gewesen seien. Dadurch hatte er etwas Deutsch gelernt. Endlich konnten wir uns verständigen.
Die eingezeichnete Hütte kannte allerdings auch er nicht. Von unserem geplanten Weg riet er uns dringend ab. Auf den nächsten 25 bis 30 Kilometern gebe es keine verlässliche Wasserquelle.
Also planten wir erneut um.
Da wir keine Unterkunft finden konnten, fragte ich, ob wir auf dem Grundstück zelten dürften. Die Antwort kam ohne langes Überlegen:
> Klar, sucht euch einen Platz.
Etwas oberhalb der einfachen Häuser fanden wir eine abgelegene Stelle für unsere Zelte.
Regen, Gastfreundschaft und ein weißes Pferd
Kurz nachdem die Zelte standen, zogen Wolken auf. Es begann zu regnen und wir warteten zunächst in unseren Zelten.
Als das Wetter besser wurde, gingen wir zu einem der Männer, der an einem Haus arbeitete, und fragten, ob wir helfen könnten. Er lehnte grinsend ab. Vermutlich hätte er später ohnehin mehr Arbeit damit gehabt, alles zu reparieren, was wir angefasst hätten.
Während ich bei den Häusern Wasser filterte, sprach mich ein älteres Ehepaar auf Albanisch an. Ich verstand kein Wort und sie verstanden keines von meinen. Wir sahen uns an – und mussten einfach lachen.
Die beiden zeigten mir eines der Häuser von innen. Es war dunkel und schlicht eingerichtet: einfache Betten, ein Ofen und Teppiche auf dem Boden. Die Gebäude wurden offenbar nur während der wärmeren Monate genutzt.
Ihr ungefähr zwölfjähriger Sohn sprach etwas Englisch und konnte bruchstückhaft übersetzen. Als Jennifer und Dave dazukamen, war ich trotzdem froh, ihnen die weitere Unterhaltung überlassen zu können.
Am Abend erschien der Junge gemeinsam mit einem etwas älteren Freund an unseren Zelten. Neugierig betrachteten sie unsere Ausrüstung und wollten wissen, was die Zelte und Rucksäcke kosteten.
Dann fragten sie, ob jemand von uns gern reite.
Jennifer wurde sofort hellhörig und sagte ja.
Die beiden verschwanden und kamen kurze Zeit später mit einem weißen Pferd zurück. Jennifer durfte bei untergehender Sonne eine Runde reiten, während sich die Wolken am Himmel langsam rosa färbten.
Später saßen wir noch lange vor unseren Zelten, erzählten Geschichten von herumstreunenden Bären und waren uns einig, wie besonders diese Gegend war.
Am nächsten Morgen stand die Hütte plötzlich da
Am nächsten Morgen war keine Wolke mehr zu sehen. Wir packten unsere Rucksäcke und liefen weiter.
Die Karte kam immer wieder zum Einsatz. Wir studierten die Höhenlinien, verglichen Geländeformen und suchten unseren Weg.
Dann entdeckten wir die Hütte, die wir am Vortag vergeblich gesucht hatten.
Sie war offenbar nicht bewirtschaftet. Ob sie überhaupt geöffnet gewesen wäre, konnten wir nicht erkennen. Rückblickend war ich froh, dass wir sie nicht gefunden hatten. Der Abend bei den Menschen auf der Sommerweide, die Begegnungen und Jennifers spontaner Ausritt wären uns sonst entgangen.
Mittlerweile waren wir die einzigen Wanderer auf dem Weg.
Uns war vorher gesagt worden, die Etappe zwischen Theth und Valbona sei der schönste Abschnitt des Peaks of the Balkans. Für mich wurde jedoch jeder Tag danach noch schöner.
Das lag nicht nur an der Landschaft. Es war vor allem die Abgeschiedenheit, die diese Tage besonders machte.
Eine geplante Route, die besser auf der Karte blieb
Nach einigen Stunden machten wir an einem Aussichtspunkt Pause. Wir holten erneut die Karte hervor und versuchten nachzuvollziehen, welchen Verlauf wir ursprünglich geplant hatten.
Vor uns lagen die Berge, die wir hätten überqueren wollen.
Aus der Entfernung sah die Strecke nicht nach einer normalen Wanderung aus, sondern nach einer Bergsteigertour mit ernsthaften Kletterpassagen. Wir waren froh, dass wir unseren Plan geändert hatten.
Später kam uns in der Nähe einer Ziegenfarm ein Auto entgegen. Wir versuchten, nach dem Weg zu fragen. Die Verständigung war erneut schwierig.
> Small forest? Big forest?
Wir entschieden uns für den großen Wald.
Der Fahrer zeigte in eine Richtung und wir liefen los. Als wir die Ziegenfarm erreichten, sahen wir allerdings keinen Weg, der zu diesem Wald führte. Also nahmen wir den einzigen erkennbaren Pfad.
Von hier aus wollten wir wieder nach Süden in Richtung Valbona. Kurz darauf bemerkten wir, dass die Sonne in unserem Rücken stand.
Wir liefen nach Norden.
Definitiv falsch.
Ein Mittagessen wie Roadkill
Etwas genervt machten wir Pause. Ich bereitete mir eine gefriergetrocknete Mahlzeit zu, die ich vorher noch nie probiert hatte. Die Verpackung war schwarz mit orangefarbener Schrift. Im Gericht war irgendetwas mit Roter Bete.
Schon nach dem ersten Versuch war klar: Das war überhaupt nicht mein Geschmack.
Ich schüttete das Essen damals am Hang aus. Dort sah es aus wie ein Roadkill.
Das gehört ebenfalls ehrlich zu diesem Bericht: Auch wenn sich in unmittelbarer Nähe weder Häuser noch andere Menschen befanden, war das nicht in Ordnung. Lebensmittelreste gehören genauso wenig in die Natur wie Verpackungen. Sie können Tiere anlocken und hinterlassen Spuren.
Heute würde ich die Mahlzeit wieder einpacken und mitnehmen.
Neue gefriergetrocknete Mahlzeiten würde ich außerdem vor einer längeren Tour testen. Gewicht und Nährwerte helfen wenig, wenn man das Essen unterwegs nicht herunterbekommt.
Hungrig und zunehmend genervt ging ich zurück zur Ziegenfarm.
„Vor zwölf Uhr seid ihr tot“
An der Farm sprach mich ein junger Mann an. Wieder scheiterte die Unterhaltung zunächst an der Sprache.
Als Jennifer und Dave aufgeschlossen hatten, breiteten wir die Karte aus. Wir zeigten ihm, wo wir hinwollten und welchen Weg wir dafür geplant hatten.
Der Internetempfang war schlecht. Trotzdem gelang es uns schließlich, über eine Übersetzungs-App miteinander zu kommunizieren.
Es war ungefähr 11:45 Uhr. Seine übersetzte Antwort lautete sinngemäß:
> Wenn ihr diesen Weg nehmt, seid ihr vor zwölf Uhr tot. Ihr werdet abstürzen.
Wir sahen ihn mit großen Augen an und lachten etwas erschrocken.
Okay. Diesen Weg würden wir nicht nehmen.
Er lud uns zu einem Tee ein. Vor uns lagen allerdings noch viele Kilometer und Höhenmeter. Wir wollten Valbona möglichst vor Einbruch der Dunkelheit erreichen und lehnten deshalb ab.
Stattdessen zeigte er uns eine kürzere Verbindung, damit wir nicht den gesamten Weg zurückgehen mussten.
Der Ziegenpfad und der Junge in Gummistiefeln
Die Abkürzung war ein schmaler Trampelpfad entlang eines steilen Hangs. Es wirkte eher wie ein Weg für Ziegen als für Menschen.
Vorsichtig setzten wir einen Fuß vor den anderen. Der Hang fiel neben uns steil ab. Wir gingen langsam und konzentriert weiter, während die Beine zunehmend zitterten.
Dann erschien ein kleiner Junge in Gummistiefeln.
Ohne sichtbare Anstrengung lief er neben dem Weg an uns vorbei.
Wir sahen uns ungläubig an.
Kurze Zeit später hatten auch wir die Passage geschafft. Als Dankeschön gaben wir den beiden etwas von unserer Schokolade. Geld wollten sie nicht annehmen.
Ein Hirte, dem wir kaum folgen konnten
Später half uns ein weiterer Hirte, den richtigen Weg zu finden. Er bewegte sich in seinen Gummistiefeln so schnell durch das Gelände, dass wir Mühe hatten, ihm zu folgen.
Er zeigte uns, wo wir weitergehen mussten und wo wir noch einmal Wasser finden würden. Danach verschwand er wieder in der Landschaft.
Solche Begegnungen bestimmten diese Tour. Die Verständigung funktionierte selten reibungslos, aber immer wieder nahmen sich Menschen Zeit, uns zu helfen.
War das ein Bär?
Der weitere Weg führte erneut durch Farne und abgelegene Waldabschnitte. An einer Stelle entdeckten wir Spuren, bei denen wir überlegten, ob sie von einem Bären stammen könnten.
Während des Abstiegs hörte ich außerdem ein Geräusch, das für mich wie das Rufen eines jungen Bären klang.
Vielleicht war es Einbildung. Gesehen habe ich nichts.
In einer Landschaft, in der wir seit Stunden kaum einem anderen Menschen begegnet waren, reichte das Geräusch trotzdem aus, um die Umgebung plötzlich aufmerksamer wahrzunehmen.
Zwei Kilometer im Tunnel
Die letzten ungefähr zwei Kilometer des Abstiegs zogen sich endlos.
Der Untergrund bestand aus losem, grauem Gestein. Bei jedem Schritt knirschten die Steine gegeneinander. Immer wieder rutschten wir weg, wenn der Untergrund nachgab.
Es wurde stiller zwischen uns.
Jeder wollte nur noch, dass der Weg endete. Kaum jemand machte noch Fotos. Wir befanden uns wie in einem Tunnel und konzentrierten uns nur auf den nächsten sicheren Schritt.
Zu hören waren fast nur noch das Knirschen der Steine und das Rutschen unserer Schuhe.
Diese letzten Kilometer waren mental anstrengender als viele der vorherigen Höhenmeter.
Essen neben einer geschlachteten Kuh
Am Ende des Abstiegs erreichten wir ein kleines Café an der Straße. Wir waren erschöpft und wollten nur noch sitzen und etwas essen.
Wenige Meter von uns entfernt wurde eine Kuh zerlegt.
Der Kopf war bereits abgetrennt. An Ketten wurde der Körper immer wieder etwas höher gezogen, während die Kuh gehäutet und Fleisch abgeschnitten wurde. Die Innereien lagen auf dem Boden.
Wir saßen vielleicht fünf Meter entfernt und aßen.
Es war direkt, ungewohnt und weit entfernt von dem, was man aus dem Alltag in Deutschland kennt. Gleichzeitig gehörte es dort sichtbar zum Leben und wurde ohne Inszenierung erledigt.
Eine wilde Rückfahrt nach Valbona
Zu Fuß hätten wir Valbona an diesem Tag nicht mehr sinnvoll erreicht. Uns wurde angeboten, entweder an der Straße zu zelten oder gegen Bezahlung mitgenommen zu werden.
Wir entschieden uns für die Fahrt.
Die Rückfahrt war wild. Der Fahrer schnitt die Kurven und kündigte vor unübersichtlichen Stellen mit der Lichthupe an, dass ein Fahrzeug kam. Offenbar war das die örtliche Form einer kurzen Vorwarnung.
Irgendwann kamen wir wieder in Valbona an. Damit hatte sich unsere ungeplante Schleife geschlossen.
Wir waren erschöpft, aber erleichtert.
Mit der Fähre nach Shkodra
Von Valbona ging es mit dem Bus weiter nach Fierza. Dort nahmen wir die Fähre in Richtung Shkodra.
Die Fahrt führte über türkisfarbenes Wasser zwischen steilen Hängen hindurch, die an vielen Stellen direkt bis ans Ufer reichten. Wo es einmal eine etwas breitere Fläche gab und ein einzelnes Haus am Wasser stand, konnte ich sofort verstehen, warum Menschen davon träumen, an einem solchen Ort zu leben.
Bei der Ankunft begann das Chaos.
Menschen liefen durcheinander, überall standen Fahrzeuge und jeder versuchte, den richtigen Bus zu finden. Wir fuhren zunächst los, mussten an einem Tunnel wieder aussteigen und versuchten anschließend, unserem Busfahrer zu folgen.
Zwischendurch verloren wir ihn aus den Augen, entdeckten ihn wieder und waren am Ende einfach froh, erneut im richtigen Bus zu sitzen.
In Shkodra verbrachten wir noch einen Tag, bevor es zurück nach Tirana ging. Für die Busfahrt waren zunächst ungefähr anderthalb Stunden angegeben. Wir planten sicherheitshalber mit zwei Stunden.
Am Ende dauerte die Fahrt mehr als vier.
Verpflegung auf einer Tour ohne festen Ablauf
Gerade weil sich unsere Route mehrfach änderte, war eine eigenständige Grundversorgung wichtig. Unterkünfte, Wasserstellen und Einkaufsmöglichkeiten waren außerhalb der bekannten Verbindung zwischen Theth und Valbona nicht immer verlässlich planbar.
Wir brauchten deshalb Essen, das sich unabhängig von einem festen Tagesziel transportieren ließ. Gleichzeitig zeigte meine verschmähte Mahlzeit sehr deutlich, dass Kalorien und Gewicht allein keine ausreichenden Auswahlkriterien sind.
Verpflegung muss auch so schmecken, dass man sie nach einem langen Tag tatsächlich essen möchte. Heute würde ich unbekannte Mahlzeiten vor der Reise probieren und zusätzlich eine kleine Alternative mitnehmen, die ohne Kocher funktioniert.
Wer sich selbst versorgt, sollte außerdem nicht nur die Mahlzeiten, sondern auch Wasserbedarf, Brennstoff und eine Reserve berücksichtigen. Lebensmittelreste und Verpackungen gehören anschließend vollständig zurück in den Rucksack.
Mein Fazit zum Wandern im Valbona Valley
Es war spannend, zum ersten Mal ohne einen vollständig festgelegten Plan loszuziehen und einen großen Teil der Strecke mit Karte und Kompass zu finden.
Gleichzeitig merkten wir, dass es nicht reicht, lediglich die Topografie auf einer Karte lesen zu können. Ein Weg, der auf dem Papier möglich aussieht, kann vor Ort zu steil, ausgesetzt oder schlicht nicht vorhanden sein. Hinweise von Menschen, die die Gegend kennen, waren für uns mehrfach entscheidend.
Die Möglichkeit, unsere Route spontan zu verändern, machte die Tour besonders. Trotzdem war ich froh, Jennifer und Dave dabeizuhaben. Allein hätte man sich in dieser Abgeschiedenheit schnell verloren fühlen können – nicht nur räumlich, sondern auch im eigenen Kopf.
Im Gedächtnis bleiben nicht nur die großen Aussichten. Ich denke an Woolfy, an das Pferd im Abendlicht, an den Jungen in Gummistiefeln, an Gespräche ohne gemeinsame Sprache und an Menschen, die uns trotz aller Verständigungsprobleme weiterhalfen.
Auch landschaftlich gehören die Albanischen Alpen für mich zu den beeindruckendsten Regionen, in denen ich bisher wandern durfte. Der bekannte Pass zwischen Theth und Valbona war sehenswert. Noch stärker in Erinnerung geblieben sind mir jedoch die stillen Tage danach, als die anderen Wanderer verschwanden und wir nicht wussten, was hinter dem nächsten Hügel auf uns wartete.
Ich würde wieder nach Albanien reisen.
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